Als meine Schwester Gritli das Licht der Welt erblickte

Aus: Hanny Wigger, Mein junges Leben

Mit acht Jahren bemerkte ich, dass Mutters Bauch immer grösser wurde. Zu fragen getraute ich mich nicht, denn eine Antwort hätte ich sowieso nicht bekommen. Mutter wurde immer dicker und schwerfälliger. «Hoffentlich platzt sie nöd», dachte ich mir.

Der Frühling kam ins Land und immer öfters besuchte uns eine Frau Rogger. Wie ich später erfahren habe, war das die Hebamme. Bei einem Gespräch mit ihr hörte ich die Worte: «Jo, no zwei bis drü Wuche.» «Was heisst das?», fragte ich die Mutter. «Das verschtohsch du nöd», war die Antwort.

Diese Worte hörte ich viel in meiner Jugendzeit. Warum sollte ich dies nicht verstehen? Warum machte man da ein Geheimnis?

Es wurde April. Ich kam heim von der Schule und alles war so aufregend. Vater war da und Frau Rogger rannte hin und her. «Wo isch d’Muetter?» «Sie isch im Bett.»

«Jetzt isch dä Buch platzt!» Hatte ich eine Angst und mein Kinderhirni fing an zu schalten. Ich lief Frau Rogger hinterher, ich wollte Mutter sehen. «Gang ewägg!», kommandierte sie mich herum. «Das verstohsch du nöd!» Durch einen Spalt in der Türe sah ich Mutter im Bett, sie stöhnte und blickte ganz komisch umher. «Ihr chömed äs Gschwüsterli über.» «Wo chunnt’s dänn her?» Vater deutete mit dem Finger gegen oben in den Himmel.

Blitzschnell reagierte ich. Ich holte einen Stuhl im Zimmer und rannte in den Garten. «Das will ich gseh, wie’s abechunnt.» Der Himmel war stahlblau, kein Wölklein war zu sehen. «Guet!», dachte ich mir. Ich wählte einen Standort, wo ich den Himmel gut überblicken konnte. Nichts geschah, es war mäuschenstill. Mein Kopf fing an zu schmerzen ob der vielen Drehungen.

Plötzlich öffnete sich ein Fenster und Vater rief: «Chömed cho luege! Ihr händ äs Schwösterli übercho.» «Stimmt gar nöd», erwiderte ich Vater, «han nüd gseh obenabe cho.» «Das verstohsch du nöd», war wieder die Antwort.

Das kleine Menschenkind lag auf Mutters Bett und krähte sich die Seele aus dem Leib. «Chunnt’s nüt z’Ässe über?» «Nei», meinte Frau Rogger, «die erschte zwei Wuche ässeds na nüt.» «Aber, dänn händs ja Hunger.» Wieder die Antwort: «Das verstohsch du nöd.»

Eines Morgens sah ich Frau Rogger, die nun jeden Tag bei uns vorbeischaute, wie sie mit dem Baby auf dem Arm zu Mutters Zimmer ging. Ich wollte auch mit. «Nüt isch!», und die Türe schnappte vor meinen Augen zu.

«So, jetzt los i a dä Tür!» Ich hörte sie reden: «Chum Meitli, trink jetzt!» Es gab aber keine Flasche und Nuggi, ich hätte es ja sicher gesehen. «Wo hät’s dänn trunke?», fragte ich Frau Rogger, als sie wieder an der Türe erschien. «Das verstohsch du nöd.»

Von da an fragte ich nichts mehr. Als heranwachsendes Mädchen las ich alles, was ich über Schwangerschaften und Kinderkriegen erhaschen konnte. Ich musste alles im Geheimen lesen, weil Mutter dies für Sünde hielt.

Erwachsene habe ich nie mehr gefragt, denn «das verstohsch du nöd» hat mir genügt, es selbst zu erfahren.

coverHannyWigger.jpg
 
Zurück
Zurück

Kapitel V [Ausschnitt]

Weiter
Weiter

Berge