Zwei Cousinen und ein Versprechen
Aus: Alexandra Schader Schinz, Das Leben und der Tod
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Als wir kleine Mädchen waren, meine Cousine und ich, lagen wir in der Berghütte unter den Decken mit ihren rot-weissen Karobezügen. Wir hielten uns an der Hand und versprachen, uns nie zu verlassen. Sie wollte unbedingt einen Bauernhof mit Tieren und ich sollte dort arbeiten und immer bei ihr bleiben. Als die Grossmutter hörte, dass wir immer noch tuschelten, statt die Augen zum Mittagsschlaf zu schliessen, sagte sie lieb, aber bestimmt, dass uns die Mittagsfrau holen würde. Die Mittagsfrau lebte in der Nähe des Klosters im dunklen Wald. Das haben die Nonnen bestätigt. Sie kamen regelmässig bei uns vorbei. Man tauschte Neuigkeiten aus und wir assen die Suppe mit gesegnetem Brot. Zwei Hühner mussten ausgekocht werden, dazu kam das Gemüse aus dem Berggarten: Diese Suppe gab uns Kraft! Die kleine Bergkirche wurde von unserem alten Onkel priesterlich betreut. Einmal, als plötzlich ein schweres Gewitter hereinbrach, waren wir mit ihm im tiefen Wald. Die Blitze tanzten am Himmel, der Donner betäubte unsere Ohren und wir zitterten vor Angst, meine Cousine und ich. Da stand der Onkel mit seiner Brille auf, alt und gebrechlich, der tropfende Priesterhut auf dem Kopf. Er betete leise und innig. Die Engel schwebten um uns herum, die Erzählungen aus der Bibel zogen sich in die Länge, bis das Gewitter weiterzog. Die Bergwacht war bereits mit Tee und Schnaps unterwegs und ich wusste, dass mich immer jemand auf dieser Welt beschützen würde. Wir wuchsen heran und ich verliess meine Cousine, zog in ein fremdes Land und brach das Versprechen.
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Meine Cousine hatte eine schöne Mutter. Gross und schlank. Eine Diva war die Tante. Am liebsten sass sie in einer Bar, die langen Beine übereinander geschlagen und den verschleierten Blick in die Weite gerichtet. Männer in teueren Anzügen zahlten ihr Drinks in verschiedenen Farben. Eines Tages brachte sie ein Kind zur Welt. Der Vater des Kindes, ein ehrwürdiger Herr, war überrascht, desgleichen der Rest der Welt. Ein Mädchen wurde geboren, viel zu früh verliess es die mütterliche Sicherheit. Die Nottaufe wurde angeordnet. Der Priester kam und das Mädchen überlebte. Sie wuchs bei den Grosseltern auf, wurde von ihnen geliebt und ihre schöne Mutter sass in der Bar, die langen Beine übereinander geschlagen. Das Mädchen war nicht schön, keine Diva, und ihr Leben war ein Kampf, den sie gewann. Ihre Sehkraft war schwach, sie trug eine Brille und hinter den dicken Gläsern leuchteten ihre Augen voll Sehnsucht. Sie wollte geliebt werden und tat alles dafür. Heiratete den falschen Mann, gebar zwei Kinder, die sie ausnützten, und ihre Gesundheit liess nach. Als wir uns wieder trafen, sagte sie leise, ich hätte sie nicht verlassen dürfen. Wir hätten uns doch versprochen, aufeinander aufzupassen. Ich war traurig, als ich das hörte und das Versprechen aus Kindertagen war wieder da, für immer und ewig.